ÜBERTRAGUNGEN

 

Hier könnt ihr meine Übertragungen einiger Gedichte von Jens Peter Jacobsen, Hans Christian Andersen, Viggo Stuckenberg, John Keats, Percy Bysshe Shelley, Rudyard Kipling, William Henry Davies, Doi Bansui, Kitahara Hakushû, Miki Rofû, Noguchi Ujô, Fukiya Kôji und Saijô Yaso lesen.

JENS PETER JACOBSEN

(1847 - 1885)

 

Irmelin Rose

 

Seht, es war einmal ein König,

Manch ein Schatz gehörte ihm,

Doch davon der allerbeste,

Wusste man, war Irmelin,

Irmelin Rose,

Irmelin Sonn,

Irmelin alles, was schön war.

 

Alle Ritterhelme zeigten

Ihrer Farben muntre Pracht,

Und mit jedem Reim und Rhythmus

Schloss ihr Name einen Pakt:

Irmelin Rose,

Irmelin Sonn,

Irmelin alles, was schön war.

 

Ganze Scharen von Bewerbern

Eilten auf des Königs Schloss,

Warben dort mit zarten Gesten

Und manch blumig schönem Wort:

Irmelin Rose,

Irmelin Sonn,

Irmelin alles, was schön ist.

 

Die Prinzessin jagt' sie von sich

(Kalt war ja ihr Herz wie Stahl),

Tadel fand des einen Haltung,

Spott nur, wie der andre sprach.

Irmelin Rose,

Irmelin Sonn,

Irmelin alles, was schön ist.

 

HANS CHRISTIAN ANDERSEN

(1805 - 1875)

 

Risens Datter

Des Riesen Tochter

 

Tief drunten in dem Berge ein alter Riese lebt,

Des riesig gute Stube sich riesenhoch erhebt.

Die goldne Zimmerdecke drei Säulen stolz beschwert,

Da sitzt des Riesen Tochter, die ist zu sehn wohl wert.

 

Misst eine Viertelmeile, vielleicht ein bisschen mehr,

Und ist gar wohl gestaltet, Lach-Grübchen steht ihr sehr.

Sie strickt dort Kinderstrümpfe für ihre Schwestern klein,

In jeden dieser Strümpfe geht wohl der Rund-Turm rein.

 

Sie kannt' den engen Käfig des Bergs bis heute nur,

Nun will sie sich mal rühren in Gottes All-Natur.

So herrlich scheint die Sonne, der Himmel ist so blau,

Wie ein Kartoffel-Acker dünkt sie der Wald genau.

 

Und eine ganze Ortschaft mit einer Kirch' dabei

Ist ihr, als ob's ein Spielbrett mit buntem Spielzeug sei.

Voll frohen Sinns spaziert sie hin über Wies' und Städt',

Ergötzt auch in dem Meer sich als einem weichen Bett.

 

Aus wilden Rosenhecken, Holunderbüschen nett

Macht sie in aller Unschuld ein kleines Brust-Bukett;

Die Buchen mitsamt Wurzeln heraus sie rupfen tut

Und windet draus sich Kränze das junge, muntre Blut.

 

Im Felde raschelt etwas – das scheint ihr recht pikant;

In ihrer Schürze birgt sie sogleich, was sie da fand,

Und spricht zu ihrem Vater: "Schau hier, das steckt' ich ein!

Als Spielzeug nahm ich's mit mir für meine Schwestern klein."

 

Der Riese sprach, nachdem er das Fundstück scharf besehn:

"Hör, meine liebe Tochter, das Kleinzeug lass mal gehn!

So mickrig es dir vorkommt, so groß ist sein Verstand,

Das ist ein Pflug mit Ochsen und ihrem Bauersmann.

 

Dem Berg mit Grün und Ranken die Wände hübsch er schmückt,

Jetzt sorgt er fürs Getreide, putzt ebenfalls, wenn's glückt. –

In die Natur an Einsicht gebricht es dir doch schier;

Den Blumenbach musst lesen, da steht von dem Getier."

 

– Wohl hinter Busch und Strauchwerk und zwischen Feldgestein

Sieht man ein Licht jetzt brennen tief in die Nacht hinein.

Das Jungfräulein studiert dann, doch, doch und besten Dank!

Kann bald aus dem Effeff schon Linné und Blumenbach.

 

Sie redet schon verwegen vom Infusorium,

Als ginge sie nun täglich auf das Kollegium;

Das Strümpfestricken ruhet, sie selbst und Schwestern klein

Gehn jetzt mit nackten Beinen im Bergsaal aus und ein.

 

Regnveir

Regenwetter

 

Es regnet, sieh nur einer an – voll Wasser steht die Gasse;

Setz deine Droschke in ein Boot, dass sie zur Rundfahrt passe!

In Tor und Tür sucht Unterschlupf das Wanderer-Gewimmel,

Sie schütteln ihre Kleider aus und linsen auf zum Himmel.

Ein graues Muttchen vor die Tür die Eimer schiebt behände,

Damit sie nicht, so geht der Sinn, den Himmelsguss verschwende.

Dachrinnen-Niagara spült auf Fliesen und auf Steinen,

Dass Schiffbruch leidet, wer bloß Schuh statt Stiefeln an den Beinen.

Aus Wolken stürzt der Regen sich, er flutet, platscht – – – und endet.

Auf Zehenspitzen Jungfräulein vom Tor sich heimwärts wendet;

Auf ihrer Fußspur folget nach ein Offizier mit Sporen.

Die Gosse haben Kinder sich derweil zum Spiel erkoren;

Sie bauen Schiffe aus Papier, in die sie Blätter legen;

Bald sieht man wieder Mensch und Vieh in Gassen und auf Wegen.

– Jetzt bläst der Wind das Wasser fort, wo immer er was findet,

Drum komm ich mit dem Vers daher und häng ihn auf, wo's windet.

 

Graat Veir

Trübes Wetter

 

Die nassen Nebel hängen träg über Feld und Stadt,

Es mag nicht einmal regnen, der Himmel ist zu matt;

Im Garten selbst die Enten ergaben sich darein,

Den Kopf hinter dem Flügel, stumm wie im Feld ein Stein.

Die Großmutter im Lehnstuhl hält Nickerchen, döst ein;

Die Hand unter der Wange, der Tochter Töchterlein

Hat schon vier Mal gegähnet, ich weiß, warum das war,

Schau, auf die Brust fällt nieder das lange, blonde Haar.

Ich selber sitze schläfrig und kreuz die Beine schlicht,

Ich mag jetzt gar nichts lesen – nicht einmal mein Gedicht.

 

Snee-Dronningen

Die Schneekönigin

 

Sundets vågor

Sofva kring den frosna Kust.

(Des Sundes Wogen

Schlafen an der gefrorenen Küste.)

E. Tegnér.

 

Hoch liegt auf den Feldern der weiße Schnee,

Doch kann man das Licht in der Hütte sehn;

Dort wartet das Mädchen beim Lampenschein

Des Herzliebsten sein.

 

Kein Laut in der Mühle, sieh, still steht das Rad.

Rasch glättet der Bursche sein blondes Haar,

Dann springt er schon lustig, hei, eins, zwei, drei,

Über Schnee und Eis.

 

Er singt um die Wett' mit dem schneidenden Wind,

Recht schmuck seine Wangen gerötet sind.

Schneekönigin reitet auf Wolken der Nacht

Über Feld und Stadt.

 

"Was bist du mir schmuck in des Schneelichtes Schein,

Dich kies' ich zum Herzallerliebsten mein.

Komm, folge mir nach auf mein schwimmendes Land,

Über Meer und Strand!"

 

Die Schneeflocken fallen so dick und so dicht.

"Aus meinem Blumen-Netz fliehst du mir nicht!

Wo sich auf der Wiese die Schnee-Düne hebt,

Unser Hochzeitsbett steht!"

 

Das Licht in der Hütte ist nicht mehr zu sehn;

Im Ringtanz wirbelt der weiße Schnee,

Eine Sternschnuppe glänzt durch die Wolken so schmuck –

Dann ist alles verschluckt.

 

Hell leuchtet die Sonne auf  Wiese und Feld,

Süß schläft er in seinem Hochzeitsbett.

Dem Mägdlein wird bange, zur Mühle hin geht –

Doch der Mühle Rad steht.

 

VIGGO STUCKENBERG

(1863 - 1905)

 

Snefald

Schneefall

 

Geht ein Schneefall übern Wald hin,

lautlos und aus einem Himmel,

der sich birgt über des Waldes

Kronen in dem weißen Wimmeln.

 

Schnee, der leicht und weich wie Federn

rieselt aus den nackten Zweigen

auf vergessne Wege, wo des

Sommers welke Blätter schweigen;

 

Flocken, weiß die Spuren tilgend

nach des Windes Winterspielen

voller Bosheit, decken milde,

die dem Frost zum Opfer fielen.

 

Nicht ein Schritt und keine Stimmen,

nirgend mehr des Sommers Lieder,

nur ein Reh, das kurz sich schüttelnd

leise gnäckt, verstummt gleich wieder.

 

Ist ein Schneefall überm Walde,

mild und leis, als ob er wolle,

dass der Wald für alle Zeit in

diesem Schnee still schlummern solle.

 

Frostnat

Frostnacht

 

Die kalte Nachtluft geht in alle Glieder,

bei einem jeden Schritt knirscht scharf der Schnee,

der Mondschein senkt sich auf die Felder nieder,

schneeblinkend weiß und so verfroren weh.

 

Am Wegrand steht ein Paar von kahlen Weiden,

die schwarzen Zweige wippen immerzu,

sehn wunderlich verkommen aus, die beiden,

in dieser Winternacht kalt bleicher Ruh.

 

Und starr der Mond auf sie herunter stieret

aus mattem Himmel, düster blau zu sehn,

wo hier und dort ein Stern alleine frieret

und zittert, wie aus Angst, ganz zu vergehn.

 

Vom Graben feiner Schnee bisweilen hebt sich,

so wie man einen Drachen fliegen lässt,

und stiebt empor und staubt nach vorn und klebt sich

in Bart und Augenbrauen eiskalt fest.

 

Ich stehe bei den Weiden, trete wacker

den Schnee von meinen Stiefeln und seh weit

den Weg gehn ohne Zaun durch kahle Acker:

frostöder Weg, schneeweiße Dürftigkeit.

 

Fuldmaane

Vollmond

Wanderte schon lang,
doch emporgehoben,
spiegelblank
glänzt der Mond jetzt oben,

sät in Ackers Schnee
tausend Glitzerkerne
und ich seh
Saat von Silbersternen.

Übern Weg verziehn
Schatten schmaler Zweige
sich so wie
Haar mit Perlgeschmeide,

Frauenhaar im Schnee,
das in Frostes Singen,
wo ich geh,
meinen Fuß umwindet,

flicht sich heimlich fest,
wo den Blick ich senke,
schlingt sein Netz
um das, was ich denke.

 

Vinternat

Winternacht

Jetzt steht die Mondscheinnacht draußen in Blüte,
beugt ihren Kelch der gefrorenen Flur,
mein Fenster mit Silber besprühte
sie schon und mit Reifstaub die Wegespur.

Ich suche den Eintrag zu fassen
des Tags in mein stilles Quartier,
doch meine Gedanken verblassen,

bis ich sie im mondbleichen Träumen verlier.

Da draußen schimmert und regt sich
die frostige, silbern blaue Luft,
über die Felder weiß hebt sich
der Lilienkelch der Nacht ohne Duft.

So licht ist ein Friede in der Seele mir drinnen,
bin ohne Begehr, weiß keinen Verzicht,
das Leben scheint mir zu rinnen
da draußen so sanft wie des Mondes Licht.

Hoffnung, der übel ihr Teil ward gegeben:
erledigt, deren so oft ich gedacht,
nur eines erfüllt mich mit Leben,
die weiße Blüte der Mondscheinnacht.

Still um mich selber auch biegt sich
sternenbetaut ihres Bechers Mund,
fern meine Seele wiegt sich
dort auf des Silberkelchs Grund.

 

Dagmildet

Tauwettertag

Ich erblickte dich, ich grüßte.
Tauzeit wars und tief im Walde;
Wasserlauf erklang am Boden
hoch ein Vogellied erschallte.

Kamst des Weges mir entgegen,
den noch nasser Schnee bedeckte,
trafen uns bei einem Baumstamm,
den der Sturmwind niederstreckte.

Und ein Zweig, der störrisch abstand,
griff dein Kleid, bands um den Fuß dir,
und ich half dir, bot die Hand dir,
und errötend schiedst du von mir.

Doch ich sah dich, wie du dastandst,
eingefangen von dem Zweige,
Hand in Hand mit mir, errötend.
Sonne war. Und nur wir beide.

Deine Augen sahn in meine,
deine warn wie weiche Schatten,
die zum Frühjahr zu der Wald wirft,
wie die weichen, bangen Schatten,

und die Röte die der Sonne,
wenn sie sich zum Aufgang anschickt
und nicht weiß, wo sie noch immer
eisbedeckt die Erde anblickt.

... Hab die Kammertür verriegelt,
zum Kamin den Stuhl gestellt,
draußen tropfen alle Zweige,
schrilles Spatzentschilpen gellt,

und ich starre in den Ofen,
wo die roten Gluten leuchten,
beuge mich zu ihnen nieder,
frierend starr ich in das Feuer.

 

Morgen

Morgen

 

Ein Morgen, still, an einem Frühlingstag,

ein gelber Schornstein auf geteertem Dach,

ein blauer Rauch, der blickdurchlässig hinfließt

entlang des Waldsaums braunem Kranz,

vom Tau der Hecke weißer Blitze Tanz,

ein Weg, den blank die Morgensonne hingießt,

 

ein Himmel, so wie Wasser, voll von Licht,

und aus dem Waldrand, zweiggesponnen, bricht

taufrisches Vogelflöten, trillernd helle,

das niemals schweigt und niemals schweigt

und das wie kühler, zarter Friede steigt,

des Atem geht aus silbernklarer Quelle.

 

Augustnat

Augustnacht

 

Bist gekommen und jetzt sitzt du

mit mir Hand in Hand,

dein Gesicht bleich wie des Mondes

Lichtschein an der Wand.

 

Bist zu mir zurück gekommen,

doch dein Mund bleibt stumm,

nur wenn wir einander ansehn,

spielt ein Lächeln drum.

 

Und wir reden nicht zusammen,

schweigen uns nur zu,

um uns beide träumt der Mondnacht

wehmutsvolle Ruh.

 

Doch als eben durch den Garten

fuhr der Eule Schrei,

zucktest du und deine Hand ließ

meine jählings frei,

 

hastig griffst du sie aufs Neue –

deine Hand war klamm,

ach, als säß ich hier allein mit

einem Geist zusamm.

 

JOHN KEATS

(1795 - 1821)

 

La Belle Dame sans Merci

 

Was grämt Euch, Herr im Ritterkleid?

Allein und bleich streift Ihr umher.

Das Ried am See ward welk, es singt

Kein Vogel mehr.

 

Was grämt Euch, Herr im Ritterkleid,

So jammervoll und schmerzentstellt?

Des Eichhorns Kammer ist gefüllt

Und gemäht das Feld.

 

Ich seh die Lilie Eurer Stirn

Vom Schweiß der Qual und Fieber nass,

Und Eurer Wangen Rose stirbt,

Auch welk und blass.

 

Ein Fräulein traf ich einst im Grund,

Vollkommen schön, ein Feenbild,

Mit langem Haar und leichtem Fuß

Und die Augen wild.

 

Ich flocht ihr einen Kranz ins Haar,

Armband und Gürtel, duftend weiß,

Sie sah mich an, als liebte sie,

Und seufzte leis.

 

Da setzte ich sie auf mein Ross,

Sah nichts sonst, bis die Sonne schied,

Denn seitwärts bog sie sich und sang

Ein Elfenlied.

 

Wohl wilden Honig, Wurzeln süß

Und Mannatau fand sie für mich,

Mit fremdem Laut sprach sie gewiss:

"Ich liebe dich."

 

Zu ihrer Elfenhöhle ging's,

Dort weinte sie und gab nicht Ruh,

Die wilden Augen schloss ich ihr

Mit Küssen zu.

 

Dort sang sie mich wohl in den Schlaf,

Da träumte ich – ach weh, so bang –

Den letzten Traum, den ich geträumt

Auf dem kalten Hang.

 

Sah bleiche Fürsten, Prinzen auch,

Zum Tode bleich, die stimmten an

Den Ruf: "La Belle Dame sans Merci

Hält dich im Bann!"

 

Sah Lippen dürr im Dämmerlicht,

Aus denen sich der Ruf entrang,

Da wacht ich auf und fand mich hier

Auf dem kalten Hang.

 

Und deshalb säume ich noch hier

Und streif allein und bleich umher,

Ward das Ried gleich welk am See und singt

Kein Vogel mehr.

 

PERCY BYSSHE SHELLEY

(1792 - 1822)

 

Summer and Winter

Sommer und Winter

Es war ein Nachmittag voll Licht und froh,
Der Sonnenmonat Juni endet so,
Wenn Nordwind Silberwolken, deren Fahrt
Schwimmenden Bergen gleicht, zusammenschart
Vom Horizont – und hinter ihnen weit
Der Himmel aufgeht wie die Ewigkeit.
Und freute sich unter der Sonne ein jedes, der Strauch,
Der Fluss, die Felder und das Schilfrohr auch;
Die Weidenblätter, die blitzten, strich der Wind drüber hin,
Und in den größeren Bäumen das kräftige Grün.

 

Ein Winter war der Art, wenn weit und breit
In Wäldern Vögel sterben und durchs Eis
Hindurch sieht man versteift die Fische stehn,
Das Schlick und Schlamm am Grund der warmen Seen
Zu Schollen friert, so hart wie Stein; und dem,
Der jetzt mit seinen Kindern und bequem
An seinem Herd sitzt, ist selbst dort noch kalt:
Dann weh! des Bettlers, heimatlos und alt!

 

To the Moon

An den Mond

 

Meint deine Blässe, du bist leid

Am Himmel steigend stier zur Erde sehn

Und keiner wandert dir zur Seit

Der Sterne, die aus anderm Ursprung gehn –

Unstet, freudlosem Auge gleich, das misst,

Was seines Blicks zur Dauer würdig ist?

 

RUDYARD KIPLING

(1865 - 1936)

 

A Ripple Song

Kleiner Welle Lied

 

Kleine Welle kam zum Land

Einst im Abendsonnenscheine –

Netzte eines Mädchens Hand,

Kam zur Furt alleine.

 

Schlanker Fuß und zarte Brust –

Drüben findst du Rast und Lust.

"Mädchen, wart, hör mein Gebot",

Sprach die Welle, "bin der Tod."

 

"Liebster ruft, ich muss mich sputen –

Wäre Schande, zaudert' ich –,

Kühnen Sprungs ja durch die Fluten

Neckt' ein Fischlein mich."

 

Schlanker Fuß und Herze zart –

Mit dem Fährkarrn mach die Fahrt.

Welle sprach: "Hör mein Gebot:

Warte, denn ich bin der Tod!"

 

"Liebster ruft, ich will nicht wenden –

Jungfer Kalt wird einsam alt."

Welle floss um ihre Lenden,

Nirgendwo ein Halt.

 

Töricht Herz und treue Hand –

Kleiner Fuß fand nie das Land.

Welle kräuselte sich rot,

Kleine Welle – war der Tod.

 

The Only Son

Der Einzige Sohn

 

Das Gitter zu, den Riegel vor, sie schürte des Feuers Schein,

Denn ein Winseln drang zum Fenster hinauf, eine Pranke schob sich herein.

Die Flamme schuf Behaglichkeit, warf Licht durch der Hütte Raum,

Und der Einzige Sohn schlief abermals ein und träumte, er träumt' einen Traum.

Die Asche fiel, ein Funke sprang vom halb verkohlten Scheit,

Und der Einzige Sohn erwachte erneut, rief durch die Dunkelheit:

"Wie? Bin ich von einer Frau geborn und ruhte an Mutterbrust?

Ich träumte von einem zottigen Fell, auf dem ich liegen musst'.

Und bin ich von einer Frau geborn und trug mich ein Vater im Arm?

Von schnappenden Zähnen träumte ich doch, die wehrten jedem Harm.

Und hatte ich Geschwister keins und spielte stets allein?

Von zwei Gefährten träumte ich ja, die bissen bis aufs Bein.

Und hätt' in saure Milch getunkt ich Gerstenbrot geklaubt?

Vom toten Zicklein träumte ich, frisch aus dem Stall geraubt:

Vom Himmel in der Mitternacht und wie ihr Blutruf klang,

Und rote Schatten stießen vor, die griffen nach meinem Fang.

Es dauert Stunde und Stunde noch, bevor der Mond aufgeht,

Und doch seh ich den Dachfirstbaum, wie ihr ihn mittags seht.

's ist Meile um Meile zum Lenafall, wohin der Sambar zieht,

Doch hör ich, wie das Junge blökt, wenn es zur Hindin flieht.

 

's ist Meile um Meile zum Lenafall, wo am Acker der Berg anhebt,

Doch rieche ich den feuchtwarmen Wind, in dem der Weizen bebt.

Die Tür schließ auf! Es hält mich nicht, ich muss hinaus und sehn,

Ob's Wölfe, ob's die Meinen sind, die wartend draußen stehn!"

 

Das Gitter hoch, den Riegel fort, die Türe auf und schon

Sprang eine Wölfin aus der Nacht, umwedelt' den Einzigen Sohn.

 

WILLIAM HENRY DAVIES

(1871 - 1940)

 

The Bird of Paradise

Der Paradiesvogel

Kate Summers traf ich, die für Gold
Ihr Bett noch jedem bot:
„Du kanntest doch Nell Barnes“, sprach sie,
"Nell Barnes", sprach sie, "ist tot.

 

Nell Barnes war schlecht zu jedem Mann,
War schmutzig und ein Dieb,
Doch Nell war's, die mein Leben lang
Der beste Freund mir blieb.

 

Ich saß an ihrem Bett zuletzt,
Bis sie gestorben war,
Und ward von alldem, was ich sprach,
Ihr schon kein Wort mehr klar.

Denn all ihr Klagen war am End:
‚Nicht um die Welt! Verschont
Den Vogel aus dem Paradies,
Der auf dem Pfosten thront!’

 

Ich bot ihr ein paar Trauben an
Und Zwetschgen, süß und reif,
Aus frischen Eiern Eiercreme
Und zartes Hühnerfleisch.

 

Und ich versprach, ich käme mit
Auf ihrem Weg zum Grab
Und borgte Geld für einen Kranz,
Dieweil ich selbst keins hab.

Doch all ihr Klagen war am End:
‚Nicht um die Welt! Verschont
Den Vogel aus dem Paradies,
Der auf dem Pfosten thront!’“

 

A Lonely Coast

Einsame Küste

Einsame Küste, wo nach einem Wrack,
Das nie erscheint, die Möwen schrein, ihr Strand
Zuletzt besucht, da ihn vor hundert Jahrn
Mit den Gezeiten wandernd ein Ersoffner fand;
Dort schrie ich sinnlos mit den Vögeln laut –
Mich wach: es war im Traum, was ich geschaut.

 

The Dragonfly

König Schillebold

 

Nun meine Rosen halb in Knospe stehn

Und halb in Blüte, kam der Schillebold –

Auf Kurzbesuch, in drei Minuten hatt'

Er alle angeschaut und ausgeruht

Noch obendrein auf einem Apfelblatt.

 

Die runden Schultern mit Smaragd behängt

Und aus Opal die Krone auf dem Kopf,

Der auf der Brust gehäuften Orden Glast –

"Mein Garten ist zwar hübsch", hab ich gedacht,

"Doch ist er würdig auch so noblen Gasts?"

 

Er ruhte dort auf jenem Apfelblatt –

"Seht seine Krone", rief ich, "aus Opal!

Und die Smaragde um den Kopf zuhauf!"

"Die Brust, mein Schatz, wie hübsch war seine Brust!",

Sprach der Geliebten Stimme gleich darauf.

 

"Oh seht, wie herrlich seine Krone strahlt

Mit dem Juwelenwulst um ihren Reif!",

Ich rief's im Schlaf, mir selber halb bewusst –

Die Antwort kam sogleich, in meinem Traum:

"Die Brust, mein Schatz, wie hübsch war seine Brust!"

 

Till I Went Out

Noch eh ich prüfen ging

Noch eh ich prüfen ging von nah,
Was ich durchs Fenster regsam sah,
Ob denn schon heller wär das Gras
Und Steine wären, dunkel-nass;

Und ob ein Zeichen könnte sein –
Hatt’  Regen schon, geschrägt und fein,
Mir beinah in den Kopf gesetzt,
Ich möcht' den Wind dort sehn zuletzt.

 

DOI BANSUI

(1871 - 1952)

荒城の月
Kôjô no tsuki

Über der Ruine der Mond

Frühlingsfeier auf der Burg in der Blütenzeit,
Becher reichte man im Kreis, funkelten im Licht,
das durch Kiefernäste fiel, tausend Jahre alt.
Aus der alten Zeit das Licht, wo ist jetzt der Glanz?

Herbst. Der Krieger Lager weiß, weiß bedeckt von Reif,
Gänse zogen mit Geschrei fern darüber hin,
und die Schwerter, eingepflanzt, spiegelten das Licht.
Aus der alten Zeit das Licht, wo ist jetzt der Glanz?

Über der Ruine steht mitternachts der Mond,
unverwandelt ist sein Licht, doch zu wessen Gunst?
Nichts blieb an den Mauern doch als der Efeu bloß,
in den Kiefern Lieder singt einer nur, der Sturm.

Aus dem Himmel zwar das Licht bleibt dasselbe stets,
doch es wandelt ständig sich die Gestalt der Welt.
Es zu zeigen ist vielleicht er noch immer da,
über der Ruine – ah! Mitternacht, der Mond.

 

KITAHARA HAKUSHÛ

(1885 - 1942)

 

月へゆく道

Tsuki e yuku michi

Der Weg zum Mond

 

Der Weg zum Mond,

der Himmelsweg,

 

führt von dem Wipfel

des Eukalyptus

 

und von dem Mastbaum

des weißen Bootes

 

und der Antenne

nächtlichem Tau,

 

den ich zum Mond geh,

der schimmernde Weg,

 

geradeaus, geradeaus.

Ein blauer Weg.

 

この道 

Kono michi

Dieser Weg

 

Dieser Weg ist der Weg, den ich einmal entlangkam,
ja sicher, es ist so,
da sind die Akazien, alle erblüht.

 

Jener Berg ist der Berg, den ich einmal erblickte,
ja sicher, es ist so,
sieh, weiß steht noch immer der Turm mit der Uhr!

Dieser Weg ist der Weg, den ich einmal daherkam,
ja sicher, es ist so,
ich fuhr in der Kutsche mit meiner Mamá.

Jene Wolke auch hab ich schon einmal gesehen,
ja sicher, es ist so,
vom Weißdornstrauch hängen die Zweige herab.

 

からたちの花

Karatachi no hana

Bitterorangenblüten

 

Die Bitterorangen sind voller Blüten.
Weiß sind, ganz weiß sind sie alle erblüht.

Der Bitterorangen Dornen tun wehe.
Grün sind, ganz grün ihre Nadeln und scharf.

Die Bitterorangen hecken die Felder.
Immer und immer nehm ich dort den Weg.

Bitterorangen im Herbst tragen Früchte.
Rund sind, ganz rund ihre Bälle von Gold.

Bei den Bitterorangen weinte ich Tränen.
Alle, ach alle warn freundlich mit mir.

Die Bitterorangen sind voller Blüten.
Weiß sind, ganz weiß sind sie alle erblüht.

 

黄金向日葵

Kogane higuruma

Goldene Sonnenkrone

 

Ach, wardst auch du der Sonne müd,
goldene Sonnenkrone,
unter dem Mittagshimmel des Südens
wie traurig ermattet du aussiehst.

 

足踏み

Ashibumi

Fußgetrampel

Trampeln immer auf der Stelle,
ich und alle hier.

Fern am Himmel oben fließen
schöne Wolken hin

und im Meer ein Wellenkräuseln,
blinkt und glitzert her.

Außenhof von unsrer Schule,
und wir kreisen drin,

immer rund mit Fußgetrampel,
ich und allesamt.

Blüht, Sazanka, blühet, blühet,
horch, die Glocke schellt!

 

Ame

Regen

 

Regen regnet unablässig, regnet immerzu.

Spielen gehen möcht ich gerne, habe keinen Schirm

und an meiner Holzsandale riss der rote Gurt.

 

Regen regnet unablässig, regnet immerzu.

Mag nicht gern, doch wenn es sein muss, spielen wir im Haus,

Chiyogami lass uns knicken, falten wir Figurn.

 

Regen regnet unablässig, regnet immerzu.

Kläglich schrie das kleine Küken eben des Fasans,

auch das kleine Küken friert wohl und fühlt sich allein.

 

Regen regnet unablässig, regnet immerzu.

Bracht ich schon zu Bett die Puppe, hört es doch nicht auf.

Alle meine Wunderkerzen sind auch abgebrannt.

 

Regen regnet unablässig, regnet immerzu.

Regnet, regnet alle Tage, regnet in der Nacht.

Regen regnet unablässig, regnet immerzu.

 

たんぽぽ

Tanpopo

Löwenzahn

 

Wenn am Rand des Reisfeldteichs erst der Löwenzahn,
erst der Löwenzahn
aufblüht, kommen gleich die Welln,
schwapp, zu ihm heran.
   

          Löwenzahn, Löwenzahn,
          kommen die Welln.

Wenn am Rand des Reisfeldteichs erst der Löwenzahn,
erst der Löwenzahn
aufblüht, kommen Kinder auch
mit dem Boot gefahrn.

 

          Löwenzahn, Löwenzahn,

          kommen im Boot.

 

赤い鳥小鳥

Akai tori kotori

Roter Vogel, Vögelein

 

Roter Vogel, Vögelein,
warum magst du rot wohl sein?
Rote Beeren aß ich.

Weißer Vogel, Vögelein,
warum magst du weiß wohl sein?
Weiße Beeren aß ich.

 

Blauer Vogel, Vögelein,
warum magst du blau wohl sein?
Blaue Beeren aß ich.

 

お月夜

Otsukiyo

Mondhelle Nacht

Klopf,
klopf,
klopf,
bitte macht mir auf.
So sag uns, wer du bist.
Ich bin vom Baum ein Blatt.
      Klopf, kleiner Vogel.

Klopf,
klopf,
klopf,
bitte macht mir auf.
So sag uns, wer du bist.
Ich bin der Wind, der Wind.
      Klopf, kleiner Vogel.

Klopf,
klopf,
klopf,
bitte macht mir auf.
So sag uns, wer du bist.
Des Mondes Licht bin ich.
      Klopf, kleiner Vogel.

 

吹雪の晩

Fubuki no ban

Schneesturmnacht

 

Es ist Schneesturmnacht, ist später Abend.
Irgendwo schreit in der Nacht eine Ente.
Es ist auch ein flackernder Lichtschein zu sehn.

Ich schaue beharrlich, ich warte beharrlich.
Irgendwie wird etwas unruhig erwartet.
Es läutet auch grade im Haus eine Uhr.

Ist ein Glöcklein, das läutet. Man kann es ja hören.
Nanu, ist ein Schlitten, er kommt auch schon näher!
Aber nein, ist der Wind, ist der Schneesturm ja nur.

Doch ich schaue beharrlich, ich warte beharrlich.
Es ist so, als müsste da irgendwas kommen.
Eine Ente schreit irgendwo fern in der Nacht.

 

ちんちん千鳥

Chinchin chidori

Ringring Regenpfeifer

 

Ringring Regenpfeifer ruft die ganze Nacht,
ruft die ganze Nacht,
wenn man auch die Glastür zuschließt, kalt bleibt es selbst dann,
kalt ist es auch dann.

Ringring Regenpfeifer, seine Stimme ruft,
seine Stimme ruft,
auch wenn man die Lichter auslöscht, sie verstummt noch nicht,
noch verstummt sie nicht.

Ringring Regenpfeifer, bist wohl elternlos,
bist wohl elternlos?
Nachtwind trägt dein Klagen her, der übern Fluss hin weht,
auf dem Fluss verweht.

Ringring Regenpfeifer, willst nicht schlafen gehn,
niemals schlafen gehn?
Tag zieht auf, der Morgenstern wird bald im Licht vergehn,

bald im Licht vergehn.

 

蜻蛉の眼玉

Tonbo no medama

Die Augenbälle der Libelle

Der Libelle Augenbälle sind wahrhaftig riesig!
Augenbälle silberglitzernd, Augenbälle blau,
runde, runde Augenbälle,
kugelige Augenbälle,
ruhelose Augenbälle.

In den Augenbällen drin wohnen kleine Wichte,
tausende,  zehntausende winzig kleiner Zwerge,
gucken durch Vergrößrungsgläser, jeder einzelne, heraus.
Schaun nach oben, glitzerglitzer.
Schaun nach unten, glitzerglitzer.
Rundherum und stets im Wechsel, glitzerglitzerglitzer.

Eine Rast im Mais – es spiegelt sich der Mais,
eine Rast im Amarant – es spiegelt sich der Amarant
tausend und zehntausendfach in den Augenbällen.
Wunderschön! Wie wunderschön!
Buntes Teleidoskop, wunderwunderschön!

 

Gleich drauf eine Kinderschar springt unsersehns hervor,
Kleberuten pfeifend schwirrn unversehens vor.
Also weg hier!
Nichts wie weg hier!
Hüte kommen nachgeflogen, sind aus Stroh gemacht,
tausende, zehntausende, hinterhergeflogen!
Oh, der Schrecken!
Ach, wie schrecklich!
Glitzerglitzerglitzerglitzer, glitzerglitzerglitzer,
rundherum und rundherum, glitzerglitzerglitzer.

 

MIKI ROFÛ

(1889 - 1964)

 

赤とんぼ

Akatonbo

Rotlibellen

 

Im Abendrot, im späten Rot der Flug der Rotlibellen,
hab ich das wirklich huckepack schon irgendwann gesehen?

Wir pflückten in den Bergen einst aus Maulbeersträuchern Beeren
in einen kleinen Korb hinein. Nichts weiter als ein Trugbild?

Das Mädchen ging mit fünfzehn fort, da war es Braut geworden,
erst kam aus ihrem Dorf noch Post, bis sie zuletzt versiegte.

 

Im Abendrot, im späten Rot der Flug der Rotlibellen,
die eine sitzt und ruht sich aus auf eines Stabes Spitze.

 

狐の嫁入り
Kitsune no yomeiri
Fuchshochzeit

 

Drüben in den Bergen sind Lichter aufgeflammt.
Das sind Füchse, halten dort eine Hochzeit ab!
 
Und im Waldesinnern geht in der stillen Nacht
zwischen dunklen Bäumen jetzt ihre Prozession.

Wieviel Truhen wohl die Braut mit sich führt im Zug?
Kleine Füchse tragen schwer an der Stangen Last!

Seltsam traurig fühl ich mich, plötzlich ganz allein,
alle Lichter, die ich sah, wurden jäh verschluckt.

Aus dem Himmel, dicht bewölkt, kommt ein Glockenton,
und ein Ziegenmelker ruft, ruft und fliegt davon.

Wohin mag der Hochzeitszug wohl verschwunden sein? 
Berge fern im Westen – nun nichts als Finsternis.    

 

紅い薔薇
  少女のために
Akai bara
     shoujo no tame ni

Rote Rose

     (für Mädchen)

Die rote Rose,
steck in mein Haar.
Die rote Rose,

die Rose, sie ist
die Apfelrose,
ist ja die Blume Marias.

Stecke die Rose rot,
heilige Rose,
zum Schmuck in mein Haar, in das Haar mir die rote Rose.

 

よしきり

Yoshikiri

Der Rohrsänger

Im grünen Riedfeld ein Rohrsänger singt,
kirikiri der Rohrsänger singt kirikiri,
in der Hitze des Sommers weht kleiner Wind,
am Ufer das Schilf,
der Rohrsänger singt.

 

青蛙
Aogaeru
Der Laubfrosch

Lass es schütten,
lass es gießen,
von den Weidenblättern fließen.

Geht die Flut einmal zu Ende,
Regenlaubfrosch,
grüner Rücken,
weißer Bauch.

 

Dreht sich dorthin.
Dreht sich hierher.
Und die Äuglein blinker blinker.

Lass es schütten,
lass es gießen,
von den Weidenblättern fließen.

 

夕焼け雲
Yuuyakegumo

Abenddämmrungswolken

 

In des Himmels tiefem Rot
Abenddämmrungswolkenzug,
kao, kao, kao, so
ging der Frösche Chorgesang.

Kühle Wege, siehe schon
will die Sonne untergehn,
aber lange, lange noch
ist der schmale Mond zu sehn.

Selbst im grünen, grünen Tal
werden so die Blüten blass,
in des Himmels tiefem Rot
Abenddämmrungswolkenzug.

 

NOGUCHI UJÔ

(1882 - 1945)

 

雨降りお月さん

Amefuriotsukisan

Der Mond bei feinem Regen

1

Feiner Regen, hinter Wolken
sich der Mond verbirgt.

Wenn du fortgehst, Braut zu werden,
sag, mit wem du gehst!

Ganz allein mit dem Papierschirm
ich des Weges geh.

Aber was, wenn da kein Schirm ist,
sag, mit wem du gehst!

Klingklang kling die Glöcklein klingen,
welche angehängt

meinem Pferd sind, drauf ich schaukle,
und ich werde nass.

2 

Schneller, schneller, liebes Pferdchen,
hell wird schon die Nacht.

Wie ich durch den Zügel eben
einen Blick riskier,

seh ich, wie mit ihrem Ärmel
das Gesicht sie birgt,

und genässt ist auch der Ärmel –
einmal trocknet er.

Feiner Regen, hinter Wolken
sich der Mond verbirgt,

schwankend auf dem Ross die Braut zieht
durchgenässt des Wegs.

 

FUKIYA KÔJI

(1898 - 1979)

花嫁人形

Die Brautpuppe
Hanayome ningyô


Wenn sie sich den Obi bindet, seiden, ganz mit Gold durchwirkt,
warum ist das, dass dabei die liebe Braut so weinen muss?

Wenn sie sich die Haare bindet, Bunkin-Shimada-Frisur,
warum ist das, dass dabei die liebe Braut dann Tränen weint?

Die zum Brautspiel auserkorne Puppe hat ein Festgewand,
rot gefärbt mit Tupfenmuster wie bei einem Rehkitz, an.

Und der Ärmel Tupfenmustern wird zuschanden, wenn sie weint
und das Rot im Tupfenmuster ihrer Tränen Nass durchtränkt.

Doch die Puppe kann nicht weinen, auch nicht, wenn sie weinen muss,
rot gefärbt mit Tupfenmuster, Kimono aus Buntpapier.

 

SAIJÔ YASO

(1892 - 1970)

 

ぼくの帽子
Boku no bôshi

Mein Hut

Ach Mutter, was mag aus meinem Hut geworden sein?
Jaaa ... es war Sommer und wir gingen nach Kirizumi von Usui den Weg,
den Strohhut meine ich doch, der mir den Abhang hinabfiel.

Ach Mutter, wie habe ich den Hut geliebt,
und was war ich damals wütend auf mich,
aber schuld war der Wind, der unversehns aufkam.

 

Ach Mutter, da kam doch aus der anderen Richtung der junge Arzneimittelhändler.
Er trug marineblaue Gamaschen und Handgelenkschützer.
Und bei dem Versuch, ihn aufzulesen, hat er sich ordentlich angestrengt.
Aber am Ende war es unmöglich.
Du weißt, es war ein tiefes Tal, und außerdem wuchsen
die Sträucher so ziemlich mannshoch.

Ach Mutter, wirklich, was mag aus jenem Hut geworden sein?
Die damals seitwärts blühten, orangefarben, die Kurumayuri,
sind wohl seit Langem verwelkt. Und
im Herbst verhüllen die grauen Nebel die Berge,
und es zirpt vielleicht in jeder Nacht unter dem Hut die Zikade.

 

Ach Mutter, und um diese Zeit, ungefähr heute Nacht,
füllt jenes Tal der lautlos fallende Schnee.
Einstmals, da er so prächtig erglänzte, der italienische Strohhut,
schrieb ich in seine Innenseite
die Initialen "Y.S.".
Nun liegt er wie begraben. Still. Und allein.

 

烏の手紙 

Karasu no tegami

Der Brief der Krähe

 

Krähe aus den Bergen hatte

einen kleinen rotgefärbten

Briefumschlag gebracht.

 

Öffnend las ich: "Wenn der Mond scheint,

stehn die Berge rings in Flammen.

Es ist fürchterlich."

 

Wollte grad die Anwort schreiben,

als ich aus dem Schlaf erwachte.

Ach, ein Ahornblatt!

 

かなりや

Kanariya

Kanarienvogel

 

Vogel, der sein Lied vergaß, aus Kanaria,

setz ich in den Bergen ihn ganz dahinten aus?

Nein, oh nein, da wird nichts draus, heut und nimmermehr.

 

Vogel, der sein Lied vergaß, aus Kanaria,

grab ich ihn im kleinen Busch nah der Türe ein?

Nein, oh nein, da wird nichts draus, heut und nimmermehr.

 

Vogel, der sein Lied vergaß, aus Kanaria,

mit der Weidenrute dann peitsche ich ihn aus?

Nein, oh nein, da wird nichts draus, weil's zum Jammern wär.

 

Vogel aus Kanaria, der sein Lied vergaß,

wenn im Boot aus Elfenbein, Ruderstange Gold,

du in einer Mondnacht ihn treiben lässt aufs Meer,

fällt sein Lied, das er vergaß, ihm dort wieder ein.

 

 石卵

Sekiran

Stein-Ei

 

Mein kleines Ei, das rätselhafte,

verstecke ich im Grasgestrüpp,

ich will, meine schneeweißen Schwingen breitend,

in das Himmelsblau ausziehn, nimmermehr wiederzukehrn.

 

Mein Vater war sicher

ein seltsamer Schwan,

vielleicht war er als hässliche Ente geboren

auf einem Hof in Sagami.

 

Ich glaubte, dass ich es ausbrüten könnte,

bis gestern, unerschütterlich,

ich quälte mich ab damit, bis es am Ende

im Morgenlicht zu Stein geworden ist.

 

Eine Rose umfangend verschied meine Schwester,

mein Schwager aß Brombeern und starb,

in eines verlassenen Hauses Mansarde

umhegte ich lange das Ei und ich sang.

 

Am Ende hab ich das Ei doch verlassen,

seht, in den Himmel fliege ich fort,

wenn das Sternenlicht klar ist, die Astern duften,

fliegt über die Stadt, die von modischen Liedern durchströmt wird, ein Schwan, hoch oben, sehr weit entfernt.

 

Chô
Der Schmetterling

Und wenn ich demnächst in die Hölle hinabsteig,
was bringe ich Vater und Mutter und
Freunden, die dort auf mich warten, dann mit?

 

Aus der Brusttasche ziehe ich wohl
einen blassen, zerbrochenen Schmetterlingsleichnam
und sage zu ihnen, indem ich ihn reiche:

"Ein Leben lang
bin ich, so wie ein Kind, einsam,
ihm nachgejagt."