MÄRCHENVERSE

 

 

Joringel und Jorinde

 

Die rote Blume in der Hand

ging lang Joringel durch den Wald,

bis er das Schloss drin wieder fand,

in dem Jorindes Aufenthalt,

seit sie mit ihm vor Tag und Jahr

dem Ort zu nah gekommen war.

 

"Zicküh, zicküh":

kommst nicht zu früh!

In einen Korb sperrt sie mich ein,

seitdem sie mich verzaubert hat

zur Nachtigall! Das bin ich satt,

der Korb ist nämlich viel zu klein!

Mag keine Nachtigall mehr sein:

 

"zicküh, zicküh, zicküh!"

 

Schon steht er hundert Schritte vor

dem Schloss, wird nicht wie damals fest

wie Stein, oh nein, er kommt ans Tor,

das mühelos sich öffnen lässt,

rührt sacht er mit der Blume dran.

Ein langer Flur liegt vor ihm. Dann ...

 

"Juchhei, juchhei,

bin wieder frei

und schön wie damals vorderhand!

Was hilft es, Nachtigall zu sein,

sperrt man im engen Korb dich ein?"

Sie gehn nach Hause Hand in Hand.

Das Weitere ist unbekannt.

 

Wir lassen es dabei.

 

So weiß wie Schnee

 

so weiß wie Schnee

so schwarz wie Haar

so rot wie tot

fein Schwesterlein

hier muss es sein

wie weiß wie weit

so nah so fern

so rot wie gern

da sind wir halt

im Zauberwald

wie weiß wie fern

so kalt und bald

so schwarz so nah

 

Ein Gleiches

 

so weiß wie

wieso weiß?

Schnee!

na so, Schnee ...

 

Schneelied

 

Schnee Schnee

wie ich dich gerne seh

 

im Mund

schmilzt er schnell

taut

ein bisschen

Nass auf den Lippen

 

man muss schon schnell

zuküssen

 

Sieben Nächte

 

Sind sieben bleiche Schwestern,

die sieben Nächte Wolle spinnen:

Siehst du, wie die Fäden emsig auf die Spindeln rinnen?

 

Sind sieben blasse Schwestern,

die sieben Nächte Kummer sinnen:

Hörst du, wie die Stunden müßig durch das Sandglas rinnen?

 

Sind sieben bange Nächte,

die müde in den Morgen rinnen:

Müssen sieben lange Jahre immer neu beginnen.

 

Ich hört ein Brünnlein rauschen

 

die im Brunnen scharrenden Rehe

wenn du mich trinkst – oh Schwesterchen hör

oh Brüderchen hör doch – wenn du mich trinkst

die im Brunnen scharrenden Rehe

 

die im Brunnen lauernden Wölfe

wenn du mich trinkst – oh Brüderchen hör

oh Schwesterchen hör doch – wenn du mich trinkst

die im Brunnen lauernden Wölfe

 

die im Brunnen träumenden Tiger

wenn ihr mich trinkt – oh Schwesterchen hör

oh Brüderchen hör doch – wenn ihr mich trinkt

die im Brunnen träumenden Tiger

 

Sonne, Mond und Sterne

sie zog aus ihrer Nuss ein Kleid
so golden wie die Sonne
verschwunden war das Hinkelbein
drum musste ab ein Fingerlein
als Schlüssel für den Glasberg

 

sie nahm ein Kleid aus ihrer Nuss
als wie der Mond so silbern
da sprang geschwinde ein Zwerg heraus
die Herren Raben sind nicht zu Haus
du musst schon auf sie warten

sie holte aus der Nuss ein Kleid
das funkelte wie die Sterne
und in das letzte der Becherlein
die drauf der Zwerg flugs trug herein
ließ sie das Ringlein fallen

 

Sieben Raben

 

Ich wollte, du wärst eine Rabe und flögest als Rabe von hier

bis tief in den dunkelsten Wald fort. Dann wäre ich wieder bei dir.

Der Weg war so schwer zu finden, ich hätte ihn selbst nicht gewusst.

Die Blumen, es waren die Brüder. Was hast du sie brechen gemusst?

 

Sie warf ihre goldene Kette, den Gürtel auch warf sie herab.

Nicht warens die Jäger zufrieden mit allem, was sie ihnen gab.

Kein einziges Wörtlein die Braut sprach und lachte kein einziges Mal,

des Nachts näht' sie stumm an den Hemden aus Nesseln. Warn sechs an der Zahl.

 

Die Sonne war fast schon herunter, da hört' sie ein Rauschen und sah

sechs Raben, die flogen durchs Fenster und setzten sich nieder ganz nah.

Und als sie die Erde berührten, da standen die Brüder vor ihr,

sie warf über jeden ein Hemdchen. Nun bleibt ihr für immer bei mir.

 

Saßen sieben Jahre zusammen, aber das achte war schwer,

doch als das neunte Jahr anbrach, da hielt es sie länger nicht mehr.

Ich wollte, ich wär eine Rabe und wüsste von Vögeln das Glück,

dann bliebe ich hier nicht alleine mit den sechs Hemden zurück.

 

Sechs Äuglein sehen mehr

 

Einäuglein, schläfst du?

Zweiäuglein, wachst du?

Dreiäuglein, geh mir zur Hand!

 

Einäuglein, weinst du?

Dreiäuglein, lachst du?

Zweiäuglein, reich deine Hand!

 

Dreiäuglein, hörst du?

Zweiäuglein, siehst du?

Einäuglein, steck mich in Brand!

 

Gib nur gut acht!

 

Du gib gut acht,

im Walde wacht

der Zwerge zorngemute Schar

und schleppt, nur diese Nacht im Jahr,

das Gold beim Mondlicht aus dem Schacht ...